Ruhrnachrichten / Lokalteil Lünen / 14.Januar 2019

Familiäre Verwicklungen

LÜNEN. Zwischen Prüderie und Frivolität: Einen Schwank, der den Zeitgeist am Vorabend des Ersten Weltkriegs spiegelt, bringt die „Kulisse" auf die Bühne. Im Heinz-Hilpert-Theater war Samstag Premiere.

Von Rudolph Lauer

Vor genau 70.Jahren hat Heinrich Otto Gresch „Die Kulisse" gegründet und den Ruf dieser Theatergruppe über die Lüner Grenzen hin­aus bekannt gemacht. Sein Sohn Michael hat vor 20 Jahren die Leitung übernommen und die Geschicke des Amateurtheaters weitergeführt.

Gründe genug also, um in diesem Jubiläumsjahr ein besonders zündendes Erfolgsstück zu präsentieren. Ausgesucht hat sich die Lüner Studio-Bühne den dreiaktigen Schwank „Der müde Theodor" des Münchener Autorenduos Max Neal und Max Ferner. Am Samstagabend, 12. Januar 2019, erlebten gut 500 Zuschauer im Heinz-Hilpert-Theater die Premiere.

1913 verfasst, haben Neal und Ferner jenen Zeitgeist beschrieben, der sich am Vorabend. des 1. Weltkriegs im Kleinbürgertum zwischen Lebenslust und Zukunftsangst, aber auch zwischen Prüderie und Frivolität seinen Weg suchte, und den sie in ihren Bühnenfiguren zu charakterisieren vermochten. Michael Gresch hat den Text sprach­lich überarbeitet, gekürzt und im Gebiet zwischen Rhein und Ruhr verortet.

Im stilvollen und hellen Bühnenbild von Barbara Hegemann drängen sich zudem moderne Ansätze auf, die auf die Zeitlosigkeit des Handlungsmotivs hinweisen. Im Rahmen der „Fin de Siècle"­Epoche bleiben dagegen die wunderschönen und aufeinander abgestimmten Kostüme von Therese Gresch mit ihren belebenden Orange- und Violetttönen. Für das entspre­chende Maskenbild haben Therese Gresch, Jaqueline Schlüsener und Lisa Strugholz gesorgt.

Die Handlung platzt nur so vor familiären Verwicklungen, zeigt Vertrauensbrüche auf, verweist auf überforderte Mäzene und legt Heimlichkeiten bloß. Eine versetzte Brillantbrosche sowie die Suche nach einen Frack führen eine verdrehte Handlung munter fort, die im zweiten Akt sogar dem vor Situationskomik berstenden Hotelzimmer-Niveau eines Georges Feydeau recht nahe kommt.

Sehr gut geführte Akteure

Gresch hat in seiner zweieinhalbstündigen Inszenierung die Akteure sehr gut geführt. Unterstützt von Henri Stefan (Inspizient), Georg Bicher (Tontechnik), Imke Gampe, Britta Fehr-Günther (Soufflage) sowie Bogdan Romaniszyn und seinem Team (Bühnenaufbau von drei Dekorationsbildern) können die Akteure unbeschwert aufspielen. Und alle gehen in ihrer Rolle sprachlich und darstellerisch auf.

Allen voran der unverwüstliche Detlef Günther in der Titelrolle, die von ihm sämtliche Emotionen einfordert und die er glänzend pariert. Dazu agiert wohltuend distanziert Barbara Hegemann als hintergangene Ehefrau mit Hang zum Caritativen, während Jaqueline Schlüsener als verliebte Tochter Lebensfreude versprüht. Britta Fehr-Günther verleiht dem Hausmädchen Frieda eine frische Resolutheit.

Michael Greschs Fabrikant Kaiser wird vom Titelhelden auf harte Proben gestellt. Imke Gampe überzeugt als Baronin mit distinguierter Aussprache. Theodors Neffe Felix spielt Patrick Runte als ewigen Studenten mit Schmiss, und Christel Skiba agiert als eine auf Kontrolle fixierte Schul-Ministerialrätin. Vom Hotelpersonal überzeugen Walter Dittmann als vergesslicher Direktor und Ulrike Schütz als pflichtbewusstes Zimmermädchen. Mit Nico Schindler hat sich ein Neuling gekonnt an die wirkungsvolle Rolle des Piccolos gewagt.

Stark besetzt sind drei Figuren, die völlig ahnungslos in den Strudel der Verwechslungen geraten. Da ist Marianne Feldmann-Jorißen als Sängerin Helma, die als Theodors Protegé weiß, wie man Förderer um den Finger wickelt. Marvin Rugullis trägt mit Fassung die Leiden des Lehrers Findeisen und nicht zuletzt Fabian Evers spielt mit exaltierter Verve des Komponisten Traum vom großen Ruhm.

Viel Gelächter, häufiger Szenenbeifall und ein berechtigt langer Schlussapplaus des gutgelaunten Publikums beweisen, dass die Kulisse mit ihrer Spielfreude alles richtig gemacht hat.

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